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Thema: Eigenes

  1. #1
    Gast1055
    Gast

    L Eigenes

    Hallo,

    ich machte hier schon mal einen Versuch mich hier durch meine Gedichte und Gedanken vorzustellen, was leider missverstanden wurde. Also nochmal ein neuer Thread.
    Ich finde schöner es so zu machen, als wenn ich nur schreibe, ich bin der und der und mache dies und das.


    Habe hier ja schon einige Geschichten in anderen Threads eingestellt, welche themenbezogen waren. Hier nun will ich nach und nach kreuz und quer etwas von mir einbringen.



    Uferlos

    Treibend
    dahin
    mittig
    frei.

    Spurlos
    schwimmend
    voll
    atmend.

    Sein
    hier
    jetzt
    uferlos.

    Peter Burger
    2002

  2. #2
    Gast1055
    Gast

    Standard

    Mein Verständnis von Freiheit und Frieden

    Wie froh bin ich in friedliche Zeiten geboren zu sein, in ein Land mit Grundrechten, die grossen Freiraum der Entfaltung bieten, gedanklich, verbal und in der Tat. Ich kann gar nicht alles nutzen, kann auswählen aus einer Vielfalt an kreativen Möglichkeiten. So empfand ich nie wirklich Mangel und keine Furcht um mein Leben. Wie begnadet in dieser Welt, wo zum Greifen nahe immer wieder die Unfreiheit, der Mangel, die Verletzung und Folter regiert, die Erniedrigung aus politischen, ethnischen oder religiösen Motiven. Sitze im Glashaus und schau unter der Glasglocke hinaus in den begrenzenden Wahnsinn. Früher die DDR, Irland, Libanon, Libyen, die zerbrechenden Teile Jugoslawiens, der Iran der Ajatollahs, nun der Irak und die Palästinenser auf verlorenem Land, der Wahnsinn in Afganistan, Tschetschenien, Kaschmir und und und .....
    Reise durch Europa und genieße Kultur und den Schutz meines deutschen Passes. Könnte Augen und Ohren verschliessen und übersehen was mir so begegnet an Leid am Strassenrand, was Betroffene erzählen und was ich von Asylbewerbern hier höre und lese. Könnte einfach nur mich leben, die ganze Schönheit meines Lebens genießen, würde nicht immer wieder mein Herz mitfühlen und erspüren der anderen Leid.
    Ein „Buch für den Frieden“ zugunsten Amnestie International, wunderbar dachte ich und mir fiel ein, dass ich da schon mal Mitglied war, einige Petitionen unterschrieb und mich dann doch wieder zurückzog. Warum eigentlich? War es mir unbequem oder nur zu unpersönlich, zu weit weg für meine Art der Wahrnehmung? Ich denke gerade darüber nach und dabei fallen mir so ganz persönliche Begegnungen ein und Geschichten, die nie geschrieben wurden, nur erlebt aber nie ganz vergessen. Nun schreibe ich sie nieder, gegen das Vergessen, für die Freiheit und den Frieden derer die ihn nicht so haben, wie ich:

    1968 war ich mit einer Reisegruppe in der Tschechoslowakei, es pulsierte der Prager Frühling und es war dort eine Lebendigkeit und Hoffnung mit Dubcek. Ich organisierte Theaterkarten für unsere Gruppe und so besuchten wir die schönsten Aufführungen dieses kreativen Volkes. Für die berühmte „Laterna Magica“ blieb mir eine Theaterkarte übrig und ich verkaufte sie vor der Kasse ganz fair zum Einkaufspreis an einen einzelnen Mann, der dann im Saal neben mir sass. Es war ein Russe und wir verständigten uns mit den Händen und der Mimik. Er war mir für die Karte sehr dankbar und schenkte mir eine Ansichtskarte seiner Heimatstadt Odessa. Da war menschlicher Frieden zwischen zwei einfachen Menschen, die sich politisch kaum begegnet wären. Ein Brückenschlag zweier Welten.
    Wenige Wochen nach der Heimkehr kam der Winter nach Prag zurück und die russischen Panzer beendeten alle Hoffnung nach Freiheit und Frieden.

    Viele Künstler mussten ihre Heimat verlassen und suchten Asyl bei uns. Einer war der Pantomime Dusan Parizek mit dem ich später viel zusammenarbeitete. Seine Angst vor den Russen war so groß, dass ihm selbst Deutschland nicht sicher schien und er am Liebsten in die Schweiz gezogen wäre.
    Nun nach der Öffnung des Ostens ist er wieder heimgekehrt zu seinen Wurzeln, da er nun wieder in Frieden dort leben kann.

    Bei einem kleinen Circus in Sizilien, bei dem ich vor etwa dreißig Jahren einen Winter verbrachte, war ein junger Ägypter aus gutem Hause, den seine Eltern vor dem Sechstagekrieg zu seiner Sicherheit ins Ausland schickten. Nun galt er als Deserteur und wäre zuhause sofort erschossen worden. Unter falschem Namen und der Hilfe der italienischen Circusfamilie konnte er überleben. Ein sehr gescheiter junger Mann, mit dem ich mich in meinem schlechten englisch viel unterhielt. Ein Intellektueller, der nun als einfacher Arbeiter und Fahrer sich seine Freiheit und Leben erhielt.

    In Tübingen traf ich Jorge Villalon, einen chilenischen Liedermacher, der uns seine Heimat Südamerika näher brachte. Nach dem Sturz von Allende musste er sein Land verlassen. Hier im Exil fand er seine Frau Rosalba kennen, die aus Kolumbien stammt und hier wurde 1978 sein Sohn geboren. Im Chor „Canto General“ von Neruda / Theodorakis trat Jorge, als Sänger, zum erstenmal wieder mit anderen Musikern auf, seit er von zuhause weg war. Dort, in dem Dorf Illapel, hatte er mit einer Gruppe zusammengespielt. Ein Musiker und einfacher Mensch, der für Allende sympathisierte und nach dessen Sturz wie viele andere, die nur anders dachten als Diktator Pinochet, zum Staatsfeind wurde und um sein Leben fürchten musste.

    Meine erste grosse Liebe war eine Elsässerin, die deutsche Mutter aus Schramberg im Schwarzwald, der Vater Elsässer und lebte in Strassburg. Liliane lernte ich auf einem Zeltplatz in der Schweiz kennen und genoss ihr fröhliches Naturell.
    Später lebte ich in einem Lehrlingsheim und teilte das Zimmer mit Pierre, dessen Vater französischer Militärangehöriger in Friedrichshafen war, seine Mutter war deutsch.
    Mit Beiden erlebte ich die Zerrissenheit zweier Seelen, der deutschen Gründlichkeit und der französischen Tiefe. Liliane heiratete einen Franzosen und Pierre eine Französin. Beide leben im Land ihrer Väter, wo sie Heimat fanden. Aber sind sie da auch wirklich frei? Als ich vor vielen Jahren Pierre in seiner Wohnung in Blois an der Loire besuchte, seine liebe Frau und Kinder kennen lernte, da zeigte der „deutsche Pierre“ auf die schlechte Handarbeit französischer Türrahmen und meinte fast trotzig „das würde es in Deutschland nicht geben“. Aber als Frankreich den letzten Atombombentest machte und ich in einem Brief den Sinn dieser Machtdemonstration in Frage stellte, kam der französische Staatsdiener voll durch und seitdem hat unsere Freundschaft einen Knacks bekommen.
    Wie frei sind wir in unseren Zugehörigkeiten, in den Gefühlen, die uns mit dem Platz verbinden, den wir als Heimat empfinden. Wie brüchig ist der Frieden aus solchen Kleinigkeiten, dass eine andere Sichtweise entzweien kann, was jahrelang verbunden.
    Die Route de Cretes in den Südvogesen ist heute eine Panoramastrasse. Im ersten Weltkrieg erbaut, war sie für den kriegerischen Nachschub. Links und rechts des Bergkamms ist jeder Quadratmeter mit deutschem und französischem Blut getränkt, die Narben der Bomben immer noch zu sehen, überwuchert von heilender Natur, wo heute französische und deutsche Wanderer diese gemeinsam genießen.
    Wie weit weg ist diese Geschichte oder doch noch ganz nah!

    In meiner Geburtsstadt Landsberg am Lech organisierte ich mal eine Dichterlesung mit Luise Rinser, die in dem Dorf geboren war, in dem meine Mutter lebte. Geboren in dem gleichen Haus, in dem Jahre später ein Kusine von mir zur Welt kam. Viele Parallelen führten zwangsläufig zu der Beschäftigung mit der weltweit bekannten Schriftstellerin, die immer unbequem schwierige Themen ansprach und deswegen auch oft angefeindet und ausgegrenzt wurde. Nur weil sie den Mut hatte eine kritische Katholikin zu sein und die Kirche und Vatikan offen zu kritisieren. So wurde sie öfters von Veranstaltungen ausgeladen, aus bayrischen Schulbüchern und Bibliotheken entfernt, im Dritten Reich war sie einige Zeit in Haft (Das Gefängnistagebuch). Ihr freigewähltes Asyl war in den Albaner Bergen nahe Rom und nur zeitweise lebte sie noch in Deutschland. Meine Begegnungen und Gespräche mit ihr veränderten viel an meiner Wahrnehmung von Freiheit und ich bewunderte ihren Mut, sich all diesen Widrigkeiten zu stellen und trotzdem immer wieder für den Frieden unter den Menschen zu schreiben. Selbst der Dalai Lama würdigte dies, in dem er mit ihr eine Woche intensive Gespräche im indischen Dharamsala führte. Im Herbst 2001 verstarb sie und ruht nun in Wessobrunn, unweit des Grabes eines Schulfreundes, der durch einen Unfall sehr früh mich verließ.

    Von 1976 bis 1979 war ich Werbeleiter am Landestheater Württemberg-Hohenzollern in Tübingen. Eine fruchtbare Zeit mit vielen besonderen Begegnungen aus aller Welt. Die Stadt sprühte voll Freigeister und Querdenker. Was wir damals machten, wurde „linkes Theater“, also zeitkritisches Theater genannt und viele alte Abonnenten kündigten. Die Jugend zog ein und stellte kritische Fragen.
    Jedoch der Kulturpapst der Schwäbischen Zeitung dirigierte mit und erzeugte Zwänge, die eine langfristige Arbeit des Intendanten Alf Reigl zunichte machten. Auch die Kunst ist nicht wirklich frei, sondern wird von Apparaten und Kritiken beeinflusst.
    Aber in diesen Jahren wuchs meine Freiheit im Geist, denn nur so kann man sich selber entdecken und finden. Die Sprache ist der kreative Ausdruck, der letztlich auch zwischen Krieg und Frieden entscheidet, zwischen „Himmel und Hölle“, die immer, in jedem Augenblick, präsent und lebbar sind. Der Frieden in unserer Welt beginnt im Geist jedes Einzelnen und jeder beeinflusst das Ganze, wie auch das Ganze jeden Einzelnen prägt.

    Als ich 1985 zum ersten Mal nach Portugal kam und das schöne Dourotal hinunter fuhr, erlebte ich die Aufbruchstimmung der Heimkehrer, die während der Diktatur Spinolas die Heimat verlassen mussten, in Deutschland, USA und anderen Heimat hart gearbeitet und etwas Kapital angespart hatten. Überall neben den Strassen waren wandernde Baustellen und die Hausfassaden bekamen neue Farbe, die holprigen Strassen einen neuen Belag. Nach langer Zeit der Stagnation kam wieder Bewegung in das Land. Neben der Strasse wuschen die Frauen noch in den Waschhäusern und winkten uns freudig nach. Aber auch immer noch gab es Horden von Landarbeitern, die noch nie Bargeld in den Händen hatten, denn sie wurden nur per Naturalien entlohnt. Hatten gerade das Allernötigste und wanderten von Feld zu Feld, von einer primitiven Hütte zur nächsten. Noch sah ich Familien in Holzhäusern aus Strandgut, was das Meer gerade so angeschwemmt hatte. Daneben die neuen Villen, die die Heimkehrer erstellten und mit Enthusiasmus neue Geschäfte schufen. Die Einen stolz in ihrer alten Heimat, die Anderen voll Wehmut der verlorenen Freude im Asylland. Der Riss ging oft mitten durch die Familien. Ein Portugiese freute sich, dass er mich in seinem neuen Cafe in Coruche bewirten konnte und mal wieder was über Deutschland erfuhr, wo es ihm gut ergangen war und er es nur zwiespältig verlassen hatte. Seine Frau und Tochter schauten ärgerlich zu uns, da ihnen diese Wehmut des Mannes und Vaters gar nicht gefiel. Sie waren im Aufbruchsgeist gefangen und nutzten die neugewonnene Freiheit.

    In Freiburg begegnete ich einem jungen Malergesellen, der mit seiner Mutter die andere Seite Deutschlands verlassen hatten. Er fühlte sich da unfrei, wollte frei sein, frei reisen können. Dort gehörte er zu den Zeugen Jehovas, die in der DDR nur im Verborgenen eine Gemeinschaft bilden konnten. Nun im Westen war er total irritiert über deren Missionsdrang und distanzierte sich immer mehr davon. Er hatte eine gute Arbeit, war sehr beliebt, hatte alle Freiheiten und seine Mutter bei sich. Aber die Schwester hatte er zurückgelassen und den geliebten Schäferhund. Hier fühlte er sich nun heimatlos, da er ja nicht zurück konnte, keinen Besuch dort machen. Jetzt, da er neue Länder erkunden hätte können, nutzte er es nicht. Obwohl das Elsass keine zwanzig Kilometer entfernt, hatte er diese Grenze noch nicht überschritten. Er konnte es, aber brauchte es nicht mehr. Nun suchte er seine Heimat und litt im Stillen.

    Die Eltern meiner geschiedenen Frau stammten aus Schlesien und so begleitete ich die Schwiegermutter und deren Schwester auf einer Busreise in die alte Heimat. Gab etwas Kraft dazu, sich der Vergangenheit noch mal zu stellen.
    Erste Station war Opole, das frühere Oppeln. Trostlosigkeit in den Strassen, überall Bauzäune vor Ruinen. Im Hotel gab es perverserweise immer Coca-Cola, aber das Piwa, das einheimische Bier ging immer wieder aus und war rationiert. Nur ein Beispiel des internen Chaos.
    Von hier aus besuchten wir das Dorf wo sie einst lebten und fanden noch die alten Tapeten an den Wänden. Die polnische Familie hatte in vierzig Jahren kaum etwas verändert, da sie nicht wussten ob die alten Besitzer wieder kämen. Sie selbst waren Flüchtlinge aus Gebieten nahe der russischen Grenze. Ängstlich betrachteten sie unser Kommen und waren erleichtert als sie erfuhren, dass keiner in das Haus zurück kommen wollte. Die Strasse hatte keinen Kanal, alle Abwässer flossen über die Strasse. Aber die Herzlichkeit der Menschen war groß, sie dankten für die Pakete aus dem Westen voll Schokolade und Südfrüchten, die ihnen lange das Leben etwas verbessert hatten. Die Bewirtung war überschwenglich und auch voller Komik. Wir nahmen aus Höflichkeit die Geschenke, obwohl vieles keinen Platz in unserem westlichen Leben haben würde. In der Dorfkirche war eine Taufe und ich fragte, ob ich fotografieren dürfe. Ich kam wie das Geschenk des Himmels und wurde gefragt, ob sie einen Abzug haben könnten, denn einen Fotografen konnten sich die jungen Leute nicht leisten. Nach der Heimkehr schickte ich ein Foto in einem Kunstlederrahmen nach Polen und hörte später etwas über die Riesenfreude dieser Familie.
    Für mich war es eine kleine Geste und dort war es ein Glück, was wohl alle Zeiten überdauern wird, so wie die alten vergilbten Fotos meiner Grosseltern.

    Vor Jahren, als ich mit meiner damaligen Lebensgefährtin vom Kino heimwärts ging, sah ich in einer frostkalten Winternacht einen Obdachlosen, der mit einer schmutzigen Mütze über das Gesicht gezogen, in einer Geschäftspassage im Stehen schlief. Er tat uns leid und wir kochten eine warme Suppe, brachten diese und etwas Obst und belegte Brote, dazu eine Decke. Er nahm dankend an und blieb wo er war. Am nächsten Abend kam ich und bot an, ihn in eine nahe Obdachlosenunterkunft zu bringen. Zögernd willigte er ein, da er das turbulente, laute Treiben dort nicht mochte. Unterwegs im Auto erfuhr ich etwas aus seinem langen Leben auf der Straße, den schönen Sommernächten in den duftenden Blumenwiesen unter freiem Sternenhimmel. Er blieb eine Nacht im wärmenden Asyl, nutzte dort die Dusche und warme Mahlzeiten. Die Nacht darauf stand er wieder „frei“ an seinem alten Platz, die von Schmutz strotzende Mütze über das Gesicht gezogen und schlief im Stehen.
    In den folgenden Monaten begegnete mir Fredo immer wieder und jedesmal freute ich mich ihn wohl und gesund zu sehen. Immer wenn ich diese wild aussehende Gestalt, mit unrasiertem Gesicht, durch die Straßen wandern sah ging mein Herz auf, da lachte etwas in mir, was ganz tief aus meiner Seele drang. Fredo war immer gut versorgt, einmal trug er zwei paar neue Schuhe bei sich, ein andermal neue Kleidung. Die Geschäftsleute gaben es ihm, manche um ihn loszuwerden, anderen ging es wohl wie mir. Einmal fand ich in einer Telefonzelle ein liegengebliebenes Baguette und sah im gleichen Moment Fredo auf der anderen Straßenseite. Ich sah dies als einen Wink des Schicksals und brachte ihm dies. Doch er lehnte dankend ab, da er genug habe und so kamen wir an diesem Abend völlig unerwartet zu diesem frischen Baguette.
    War das die wahre Freiheit, der schien seinen Frieden mit sich und der Welt zu haben und er bewirkte etwas bei den Menschen, denen er begegnete. Hinter diesem bärigen Kerl verbarg sich eine Ausstrahlung die viele Herzen öffnete.

    Noch tiefer ging eine Begegnung vor einigen Jahren. Im November 1998 hielt ich im Buchladen Eichhorn in Ulm einen Vortrag. Zuvor machte ich in einem alten Parka einen Stadtbummel und schlenderte am Rand des Münsterplatzes an Geschäften entlang. Plötzlich sah ich einen Rucksack und davor einige Hefte und einen Hut liegen. “Lyrik eines Landstreichers” las ich auf der Titelseite, hob ein Heft auf und blätterte darin. Da hatte sich ein Obdachloser alles von der Seele geschrieben, intensive persönliche Gedanken und Erfahrungen. Da ich meine Lesebrille nicht dabei hatte legte ich das Heft zurück und als ich weitergehen wollte, sah mich ein Ehepaar enttäuscht an: “Wir dachten Sie sind der Landstreicher!” Ich schüttelte den Kopf und ging in Richtung Fußgängerzone. Auf dem Rückweg sah ich, wie ein grauhaariger älterer Mann den Rucksack schultert und in Richtung Münster geht. Ich eile ihm nach, in einer gewissen Neugierde, und spreche ihn an: “Als ich vorhin Ihre Lyrik las, da wurde ich mit Ihnen verwechselt, da dachten andere Menschen, ich sei der Landstreicher.” Nur kurz dreht er den Kopf und sagt im Laufen. “Das war keine Verwechslung!” Mir bleibt nur die Verblüffung und ein befreiendes Lachen.
    Danach denke ich über diese knappe Botschaft nach. Ja er hat Recht, ich streiche durchs Land, halte hier einen Vortrag, gebe Beratungsgespräche, organisiere Veranstaltungen. Doch dann steigt es in mir noch tiefer. Im Grunde sind wir alle Landstreicher. Wir streichen solange wir leben durchs Land. Mit der Geburt tauchen wir ein und mit dem Tod gehen wir zurück. Dazwischen streichen wir übers Land. Zeitweise verwurzeln wir, bis der Wind der Zeit uns weitertreibt.
    Selten hat mir ein menschlicher Gedanke soviel gegeben, so klar meine Existenz mir bewußt gemacht und dieser Funke wirkt bis heute in mir weiter.
    Nachtrag:
    Monate später sehe ich im Schweizer Fernsehen, daß ein Berner Verlag den Landstreicher sucht, da dieser dessen Lyrik in einem Büchlein verlegt und bereits über sechshundert davon verkauft hat. Ihm stehen die Tantiemen zu. Ich telefoniere mit dem Verleger und teile ihm mein Erlebnis mit. So komme ich nachträglich zu der "Lyrik eines Landstreichers" mit dem Büchlein "Die Harmonie der Welt" (ISBN 3-906786-12-9) erschienen im Berner Lokwort-Verlag. Nun in gebundener Form erkenne ich, daß ich in Ulm nicht ganz wach war. Da habe ich die Tiefe dieser Lyrik nicht erkannt. Nun aber berührt es mich tief. Jetzt bin ich voll reif dafür und sehe deutlich die Nähe zwischen ihm und mir.
    Wenn etwas sein soll, dann kommt es zu einem. Entweder direkt oder indirekt im passenden Moment, zum richtigen Zeitpunkt.
    Dieser "Landstreicher", ein ehemaliger Schriftsetzer aus der DDR, der alles zurückgelassen hat, nur mit Rucksack und Fahrrad durch Europa radelt, ist für mich ein heute lebender Laotse. Denn seine Lyrik geht tief und beschreibt in einfachen Gedanken das Unfassbare.

    - 2 -

  3. #3
    Spanien Profi Avatar von Julchen
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    Beiträge
    2,043

    Standard

    Schööön Zugvogel, da du ja soviel nach Spanien gereist bist, hast du vielleicht auch ein typisches spanisches Gedicht in petto ??
    Grüße von Julchen

    In der Ruhe liegt die Kraft..........

  4. #4
    Gast1055
    Gast

    Standard

    - 2 -

    Mir wird bewußt, daß zu Frieden und Erleuchtung nicht mehr gehört, als zu sein und sich selbst total zu leben. Das eigene Ich zu erkennen, zu akzeptieren und die persönliche Freiheit zu lieben. Und dann ganz authentisch zu sein, an dem Platz, wo das Leben mich hinstellt. Dann bin ich in Frieden mit mir und der Welt, bin frei wo ich gerade lebe.
    Aber schon taucht Zweifel in mir auf, wäre dies auch in einem Land mit totalitären Regime, wo ich meine Gedanken nicht frei äußern kann.
    Die Schriftsteller des Ostens, von Mrozek, Ionesco bis Kohout haben mit dem „absurden Theater“ ihre Sprachform gefunden, in der sie sich ausdrücken konnten und deren Leser und Zuschauer haben dies verstanden.
    Sie hatten ihren Freiraum, nutzen ihre sprachliche Freiheit, suchten darin ihren Frieden. Jeder nutzt die Nischen, die das Leben einem bietet, auch wenn es in diktatorischen Ideologien manchmal sehr wenig ist.

    Die wahre Unfreiheit beginnt jedoch mit der Begrenzung durch den Staat und der Bestrafung für Grenzverletzungen des Geistes und der Sprache, wenn sich Ideologien und persönliche Überzeugungen reiben. Wenn ich jedes Wort vorsichtig „umdrehen“ müsste bevor ich es spreche oder gar niederschreibe. Wenn ich Angst haben müsste mich unbeschwert ausdrücken zu können, wenn Strafe und Folter mich erwarten, mein unbeschadetes Leben dadurch gefährdet wäre.

    Galileo Galilei: „Lasst Philosophien sterben, anstatt Menschen!“
    Dieser Satz hat sich tief in mir eingeprägt, mir dem Rebell gegen Konventionen, dem Unrecht immer wieder begegnete, das mich aufwühlte und mich in meinem grossen Freiheitsbewusstsein traf.
    Inzwischen, mit den Jahren, habe ich mich als Spielball begriffen, der durch ein Leben rollt, munter hüpft, mal aneckt und irgendwann ausrollt. Als bunter Ball kann ich andere erfreuen, kann Freiheiten aufzeigen und mit meinem Sein auch Frieden sein, einfach Ich sein, so wie ich jetzt bin in meinem Bewußtsein von Freiheit und Frieden.
    Alle Begegnungen meines Lebens waren mir Spiegel auf dem Weg und führten mich dorthin, wo ich jetzt stehe, sehe und schreibe. Für den Frieden, für die Freiheit und die Liebe. Mehr kann ich nicht, aber ist es nicht genug? Muss ich mit allem mitleiden oder einfach nur verstehen, fühlen, Anteil am Leid anderer nehmen und dankbar sein, für die Gnade meiner Freiheit und dem Glück in einer Zeit des Friedens geboren zu sein.

    Peter Burger

    - Erschienen 2003 in dem Buch Menschlichkeit - Humanity, Gryphon Verlag, ISBN 3-953192-62-2 zugunsten von Amnesty International -
    Tiza gefällt dies.

  5. #5
    Gast1055
    Gast

    Standard

    Zitat Zitat von Julchen Beitrag anzeigen
    Schööön Zugvogel, da du ja soviel nach Spanien gereist bist, hast du vielleicht auch ein typisches spanisches Gedicht in petto ??
    Nein, ich schreibe nur in deutsch. Aber natürlich sind einige Gedichte und Kurzgeschichten in Spanien entstanden. Einige finden sich hier im Forum schon an anderer Stelle.

  6. #6
    Gast1055
    Gast

    Standard

    Zitat Zitat von Zugvogel Beitrag anzeigen

    Als ich 1985 zum ersten Mal nach Portugal kam und das schöne Dourotal hinunter fuhr, erlebte ich die Aufbruchstimmung der Heimkehrer, die während der Diktatur
    Spinolas
    Gerade gesehen, das muss natürlich "Salazar" heissen.

  7. #7
    Gast1055
    Gast

    Standard

    Wer ich bin ?

    Dreh mich im Kreis
    erlebe das Chaos
    schöpfe daraus
    gestalte die Welt.


    Der gerade Weg
    führt unendlich weiter
    kommt ohne Ziel
    zum Ursprung zurück.

    Anfang und Ende
    sind gleich
    ohne Ergebnis
    formlos.

    Die Bewegung
    im Kreis
    führt beständig
    zum Punkt.

    Punkt ist Sein
    Sein ist Liebe
    Liebe ist Gott
    Gott bin ... (ich?)


    Peter Burger
    1999
    Rita gefällt dies.

  8. #8
    Gast1055
    Gast

    Standard

    Du kannst nicht flüchten

    Du kannst nicht flüchten Deiner selbst
    du nimmst Dich mit
    mit Haut und Haaren
    mit Kind und Kegel
    wie Du bist.

    Überall ist das gleiche Drama
    das Du -genau Du!- bist
    es ist in Dir und wohl mit Dir
    gleich wohin Du wanderst
    Du flüchtest nur vor Deiner selbst.

    Nur wandeln sich die Kulissen
    das Klima und die Kultur
    das momentane Wohlbefinden
    die spontane Freude am Moment
    täuscht über die Wahrheit kurz hinweg.

    Kaum bist Du etwas angekommen
    hast den neuen Platz gerade angenommen
    entfaltet sich in kurzer Zeit
    ein neues Biotop im alten Kleid
    das Du mit Dir getragen.

    Mit einem Seufzer wirst erkennen
    daß sich nicht viel gewandelt
    und manches nun viel schwerer ist
    in dem fernen neuen Land
    denn man flüchtet stets umsonst.

    Peter Burger
    12/2000
    Rita gefällt dies.

  9. #9
    Gast1055
    Gast

    Standard

    Delphin spring

    Trüber Stimmung ich am Wasser saß
    und dacht du springst jetzt gleich.
    Wohl hörtest meinen stillen Wunsch
    und sprangst in deiner Freude hoch.

    Mein Herz hüpfte mit dir höher
    voll Liebe erhellend mein Gemüt.
    Mein Blick folgte euch in die Ferne
    voll Sehnsucht mit euch zu sein.

    Mein Auge suchte jeden Tag
    und schweifte über die glitzernde See.
    Ich suchte nach dir und rief
    kommt und springt.

    Zu weit entfernt von mir
    war der Delphine freier Weg.
    Still traurig blieb ich zurück
    wartetend auf das nächste Spiel.

    Doch dann blitze es in meinem Herzen
    und sah sie springen durch das All.
    Meine Seele hat zurück gefunden
    und sieht Delphine nun springen überall.


    Peter Burger
    2000
    Julchen gefällt dies.

  10. #10
    Gast1055
    Gast

    Standard

    Geist von Rodenstein

    Hoch oben im Odenwald in der Gemeinde Reichelsheim trafen sich Heerscharen aus allen Regionen und erzählten die Sagen und Märchen vergangener Zeiten. Unter den Zuhörern war auch ein Geschichtenerzähler und sein Liebchen, die eingeladen vom Schultes mit einem neuzeitlichen Planwagen ihren Weg in diesen Ort zwischen den rundlichen Bergen fand. Sie lauschten dem, was sich da alles sammelte. Da beiden der Platz des Heerlagers zu voll war und sie nicht Wand an Wand mit anderen Schnachern schlafen wollten, fuhren sie weiter in die Nacht hinein und der Geschichtenerzähler folgte einer inneren Stimme den Berg hinauf, bis zum Parkplatz des Naturparks der Ruine Rodenstein.
    Hier war alles leer und grosse nächtliche Ruhe, die jedoch jäh gestört wurde, als er seinen Stromerzeuger anwarf, um die altersschwachen Batterieren seines Gefährtes zu laden. Die Heizung wärmte nun besser und in dieser frostigen Oktobernacht wurde es darin wohlig warm. Nur die Eichen draussen erwachten von dem lauten Geknatter und riefen über den hilfreichen Wind den Geist von Rodenstein. Gegen die Ruhestörung war dieser auch machtlos, nicht jedoch gegen diese Eindringling zu später Stunde. Zunächst beruhigte dieser die aufgebrachten Eichen, die mit weitausladenden Ästen auf das Gefährt herab fühlten. Wärme ging davon aus , aber auch der russige Geruch den sie tagsüber gut verkrafteten, aber nachts gar nicht gern ertragen wollten. Glücklicherweise war das laute Spektakel nach einer guten Stunde vorüber und der nächtliche Frieden kehrte wieder in den dunklen Wald.
    Nur der gerufene Geist von Rodenstein ruhte nicht und strömte ein in Köpfe der Störenfriede, die alsbald zu zanken begannen und mit Nichtigkeiten sich gegenseitig nervten. Obwohl sie gut schliefen im Schutze des Waldes, erwachten sie in gereizter Spannung und nach einigen ungeschickten Worten entlud sich aufgestauter Ärger und Frust. Die Frau nörgelte über den Mann und weinte zum Trotz. Der Mann zog sich schützend zurück und schwieg, bis ihm zornig der Hals überquoll.
    Der Geist von Rodenstein grinste im Hintergrund, er hatte die Unruhe diesen Eindringlingen zurück gegeben und mit seinen geheimen Kräften das in den Beiden ausgelöst, was sich die Tage vorher schon in ihnen aufgestaut hatte. Das war nun seine Form der Rache, denn er konnte auf ganz subtile Weise zaubern und alles hervorholen was sich in den Tiefen der Seelen der Bewohner seines Berges eingegraben hatte. Keiner entkam seiner Macht und da er dies regelmässig tat, war hier am Berg um die Ruine Rodenstein ein grosse Ruhe, war Frieden, Weite und Glück. Die Wanderer hier freuten sich der Natur und die Tiere und Pflanzen lebten in grösstmöglicher Eintracht.
    Der Geschichtenerzähler hatte so eine neuzeitliche Schreibmaschine dabei und schrieb zur Verwunderung des Geistes von Rodenstein alles auf, was er hier erlebt hatte. Dies hatte er noch nie erlebt und las verunsichert mit, denn was würde nun damit geschehen? Märchengeschichten wurden in Reichenbach vorgetragen, aber doch wohl nicht über ihn, dem wachen Geist über Berg und Tal. Wenn er schönes bewirkt hätte, ja, das dürften alle gern hören. Aber er hatte Unfrieden gestiftet, den Ärger der Bäume direkt weitergegeben und diesen Menschlein einen Denkzettel verpasst. Dies nun dokumentiert gefiel ihm gar nicht recht. So rief er alle Elemente zur Hilfe und da half im der Wind, der die Wolken auseinander trieb. Die Sonne trat durch und bestrahlte die verärgerten Menschen, erhellte ein wenig den Geist. Sie sollten nicht mit dem negativen Gefühl seinen Berg verlassen. Ein Hauch von Freude sollte sie begleiten hinab ins Tal, dort wohin die Geschichte nun wandern würde.
    Dort angekommen fand das Gefährt keinen Parkplatz mehr bei den Märchen- und Sagentagen. Der Geist trieb sie weiter aus dem Ort hinaus. Doch diesen Text konnte er nicht mehr löschen. Gegen neuzeitliche Schriften war er machtlos, denn sie waren nicht aus dem Holz der Bäume. Papier konnte zerreissen, verwässern oder vergilben. Wie solche Datenschrift stoppen, wusste er nicht. So setzte er im Bewusstsein des Schreibers auf Vergessen und schickte Frieden und Freude hinter den Reisenden her.
    Sie reisten dahin gen Mainz, zur Mosel und Trier. Doch der Geschichtenerzähler vergass die Begebenheit nicht und war dem Geist von Rodenstein nicht mehr böse. Er verstand ihn nur zu gut und wenn er das nächste Mal diesen besuchen kommt, werden alle Batterien bestens geladen sein. Dann wird er den Berg besteigen, die Ruine und den Wasserfall besuchen, wird dem Geist in freundlicher Gesinnung eine Geschichte vorlesen und lauschen den Gesprächen des Waldes.

    Peter Burger
    2003
    moix gefällt dies.

  11. #11
    Gast1055
    Gast

    Standard

    Irdische Engel

    Vor rund zwölf Jahren war ich mit Wohnmobil im Winter in Portugal. Um Weihnachten hatte es viel geregnet und am zweiten Weihnachtsfeiertag suchte ich am späten Nachmittag an der Algarve einen schönen Nachtplatz. Als ich aus einer Sackgasse am Meer rückwärts heraus rangierte, brach ein Stück Seitenrand ab und ich hing mit einem Hinterrad über dem Abgrund. Zunächst suchte ich Helfer in der Nähe, aber keiner wollte helfen. Es dämmerte bereits, da stiess ich ein Stoßgebet zum Himmel und kurze Zeit später tauchten wie aus dem Nichts fünf einfach gekleidete Männer (Fischer) auf, sahen meine Notlage und packten sofort mit an. Mit einem Holzkeil und einer Schaufel gelang es das Hinterrad zu sichern und mit vereinten Kräften schoben sie mein Wohnmobil auf sicheren Grund.
    Ich wollte ihnen Geld dafür geben, aber sie lehnten ab. Da ich noch eine Packung Nürnberger Lebkuchen dabei hatte, bot ich diese an und jeder griff sich einen runden Lebkuchen und dann zog diese Gruppe weiter.
    Diese irdischen Engel wurden mir geschickt, als ich meine inneren Engel um Hilfe bat.
    Solche Erlebnisse hatte ich einige, aber selten zeigten diese sich so deutlich, als in dieser misslichen und bedrohlichen Situation.

    Peter Burger

    PS.: Ich glaube, das waren die ersten Lebkuchen dieser Fischer, so wie ich deren Mimik deutete.
    Geändert von Gast1055 (02.10.2011 um 19:22 Uhr)

  12. #12
    Spanien Profi Avatar von moix
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    Immer wenn man denkt es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her
    Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters.

  13. #13
    Gast1055
    Gast

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    Wellen bewegen hin und her - mich

    Spätherbst am Meer, sitze im Sand einer Insel, im deutschen Grenzland, zur Windseite hin geschützt. Mein Blick führt zum Wasser, das vom Wind bewegt aufschaukelt und ich träume vom warmen Süden, vom unendlich langen Sandstrand der Rio Formosa der östlichen Algarve, der immer bedeckt ist mit Millionen Schalen unterschiedlichster Muscheln. Mein Blick springt über, von der Nordsee zum Atlantik, in die mächtigen Wellen der schlagenden Flut, sie tanzen nun immer näher, im ureigenen Rhythmus ewiger Zeiten. Nach jeder siebten Welle kommen ein, zwei mächtigere und umspülen meine Beine. Zweimal muss ich flüchten, da der Sand unter meinen Füssen weggeschwemmt wird, mich mitzureissen versucht.
    Tief versunken in die Brandung versuche ich zu verstehen, was das Meer von mir will. Wohin es mich zieht, in welche Welten, die einst Vasco Gadama und andere Seefahrer lockten, mit denen tausende Menschen zu neuen Zielen aufbrachen. Einst ein Weltreich mit Kolonien von Afrika bis Asien, heute ein armes Land, das ärmste im westlichen Europa. Nur das Seefahrerdenkmal in Lisboa erinnert noch an diesen Teil einer langen Geschichte. Ja, ich bin mitten drin, sehe den Tejo, die mächtigen Brücken, den Leuchtturm an der Mündung zum Meer, wo einst machtvolle Caravellen ein und ausfuhren, beladen mit Schätzen, Sklaven, der Ruhr und anderem Leid.
    Für einen kurzen Moment erwacht, sehe wieder das nördliche Meer, erfasse die Insel, wo Tagträume mich erden. In die Düne gedrückt finde ich Schutz für den Weg meiner Seele. Das Meer trägt sie fort, mit sich, wo wärmende Luft mich hinlockt.
    Dort am Meeresstrand fernab, vor den mächtigen Wellen der Flut, die Seetang aufwirbelt, Treibgut anspült, genau da in diesem Inferno von bewegten Wassermassen, bin ich jetzt vergeistigt und reise weiter mit den Wellen zu neuen Ufern, wo gerade Ebbe den Strand erweitert und all die Schätze offenbart, die die Gegenkraft zurückgelassen hat. Gezeiten schieben das Meer hin und her, wie das Wasser in einer Schüssel. An der einen Seite sitze ich versunken und blicke an den anderen Rand, erblicke die Ufer in der Ferne mit Sandstränden, Palmen und exotischen Getier.
    Wohin reiste ich gerade im Geist, wohin blickt meine Seele? Meer wohin hast du mich geführt?
    Wie ein Seefahrer bin ich über Wellen geritten und stehe an neuen Ufern, einem fernen fremden Land, bin Entdecker wie einst die grossen Segelschiffe, die hier landeten. Was mich nun hier erwarten wird? Freundliche Menschen, Ablehnung, Bedrohung?
    Ich verspüre Verunsicherung in der Magengrube, bin gelähmt das neue Land zu betreten. Schaue um mich, vorsichtig und warte ab.
    Alles ist ruhig, nur Vögel zwitschern mit ungewohnten Lauten, die Sonne strahlt kräftig und es scheint ein Paradies zu sein, bunt, hell, fröhlich. Nichts geschieht und trotz Unbehagen schreite ich voran. Der Strand erscheint mir unendlich weit, der grüne Palmenwald will mir nicht näher kommen. Ich sehe Augen zwischen Büschen, beobachtet, fühle mich hilflos. Nichts habe ich in meinen Händen, keine Waffe, kein Geschenk, nichts habe ich mitgebracht, nur mich.
    Was soll ich hier? Seele warum führst du mich an diesen Strand?
    Ich möchte rückwärts gehen, auf der Stelle schreiten, kehrt machen. Angst macht sich in mir breit. Aber die Wellen der Flut drängen mich vorwärts, sie schieben mich dem Land immer näher, dem grünen Buschwerk unter Palmen, die angenehm Schatten spenden. Spüre den Schweiss von meiner Stirn rinnen, wische ihn ab und setze mich an den Stamm, dessen Blätter mir Wind zufächeln. Alles kommt mir entgegen, doch atme ich schwer. Blicke nochmal zum Meer, das noch immer Welle für Welle Wasser ans Land schaufelt. Mein Schiff ist es gestrandet, liegt fest, aufgelaufen zwischen Sand und Fels.
    Nahe dem Palmenhain sehe ich einen schmalen Pfad, dem ich folge hinein in den Wald, der dicht und stickig sich fühlt, beklemmend grün mit unbekannten Geräuschen. Vom kecken Lachen bis zum Gesang der Vögel, ein Knacken im Gebüsch, unheimliche Geräusche in grosser Stille. Mein Gang wird immer schneller, will entkommen dem dichten Wald. Beginne zu rennen, Zweige schlagen mir ins Gesicht, Dornen kratzen an meiner Haut, stechende Fliegen umsurren mich. Ich schlage mit den Händen um mich, laufe, sehe nicht mehr, nur den Weg der langsam etwas breiter wird. Das Dunkel weicht über mir, ich stehe in einer Lichtung des Waldes, vor mir ein kleiner See mit klarem Wasser. Ich trinke gierig, benetze Kopf und Arme, stehe bis zu den Knien in angenehm warmen Nass. Ein Bach fliesst hinein, dem ich nun folge. Langsam geht es bergan und mein Gang wird schwerer. Aber ich fühle mich nun sicherer, der Wald ist mir vertraut, die Geräusche erschrecken mich nicht mehr. Ich habe den Weg in mir, den ich beschritten, der mich getragen hat zum See und nun beständig bergauf, entlang eines Bächleins, das immer schmaler wird und plötzlich an seiner Quelle versiegt. Hier ist kein Wald mehr, nur noch dichtes Gebüsch und steiniger Boden. Treppen sind in felsigen Passagen, die höher führen, weit über die Wipfel des Urwaldes voller Palmen und anderer Giganten. In der Ferne das Meer, befreiend weit und schön, die späte Sonne fast am Horizont. Ich eile höher, den Gipfel vor Augen; erreiche ihn zu Beginn der Dämmerung, finde dort eine offene Hütte mit Bett, Speis und Trank. Es scheint bereitgestellt für mich, als wäre ich erwartet worden. Aber ich bin allein, kann nicht schlafen, höre in die Nacht mit vielen Geräuschen, spüre den feinen Wind bis es mich fröstelt. Im fahlen Licht des Vollmonds schlafe ich im Sitzen ein und begegne nun kleinen wunderschönen Menschen mit gelblicher Haut, gebräunt von der Sonne. Sie lächeln mich an, tanzen um mich, bringen mir berauschende Getränke. Eine schöne Frau steht vor mir, lächelt, winkt mir zu. Ich möchte mit ihr gehen, finde sie sehr anziehend, ihre Anwesenheit erregt mich. Als ich meine Hand öffne, nach ihr greife, weicht sie aus, geht weiter und ich muss ihr folgen, in ein Dorf voller Kinder. Lachende Gesichter, die mich bestaunen, betasten, festhalten. Ich blicke zu der schönen Frau, die sich weiter entfernt, rasendschnell immer älter wird. Die Kinder halten mich und so entschwindet am Dorfrand eine alte Frau. Die Kinder wachsen schnell und junge Männer tanzen nun mit schönen Mädchen. Ich will mittanzen, aber werde nicht gesehen, bin ein Schatten in einer fröhlichen Welt, die mich nicht teilnehmen lässt. Zuschauer in einer fremden Kultur lebensfroher Menschen.
    Mit diesem Bild erwache ich am frühen Morgen, bin wieder allein auf dem Gipfel. Erlebe den Sonnenaufgang über dem Meer, am weiten Horizont blaugrünen Wassers. Die ersten Strahlen wärmen mich wohlig. In der Hütte finde ich frische Früchte, exotisch saftig, verlockend süss. Geniessend blicke ich um mich, überall nur Meer, erkenne die Grenzen der Insel. Der Weg der mich herführte ist verschwunden, zugewachsen über Nacht, ein neuer bietet sich an, hinab zur anderen Inselseite.
    Wer führt mich hier? Wer legte den Weg an? Unheimlich wirkt das Ganze auf mich. So steige ich zwangsläufig abwärts, erreiche die Baumgrenze, tauche ein in tiefen Wald, finde eine Quelle und folge dem Bach. Er führt mich direkt zum Meer, wo ich mich erschöpft in den Sand falle, die Augen schliesse und warte.
    Nach einer langen Weile öffne ich diese wieder und sehe blinzelnd vor mir das sich zurückziehende Meer, die Ebbe vor der Rio Formosa, am Strand der Algarve. Baumreste im Wasser, die Reste meines Flosses, gestrandet im Sand. Quallen erlitten das gleiche Schicksal, neue Muschelschalen gar handtellergross, ein totes Delphinbaby angespült von der Flut, anderes Treibgut von Schiffen und vom Sturm ins Meer gewehtes Inventar. Treibgut wie ich, der hier neu gestrandet nach weiter Reise, sich wiederfindet im feinen Sand einer vertrauten Welt.
    Wo sind sie geblieben, die Kinder, die schöne Frau, die Alte, die Insel? In den hinwegrollenden Wellen sehe ich sie tanzen, ganz kurz nur, für einen sanften Moment und verstehe.


    Peter Burger
    2003

  14. #14
    Gast1055
    Gast

    Standard

    Tollkühne Wellenreiter

    Rassiger Wind am Meer
    Blick über die Meia Praia
    zwei deutsche Autos am Strand
    draußen zwei Wellenreiter.

    Könner tanzen über das Meer
    springen über hohe Wellen
    fallen mal daneben
    und gleiten neu dahin.

    Vom Horizont zum Strand
    vom Strand quer übers Meer
    ein Tanz mit Wind und Wellen
    für mein staunendes Auge toll.

    Zwei strahlende Gesichter kommen an Land
    den Rausch des Glücks in den Augen
    wie Sieger gegen die Urgewalten
    Bezwinger der Welt und sich selber.

    Peter Burger
    2000







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