Jetzt juckt es mich doch in den Fingern zum Thema Tomatina. Und da kann man ja auch gleich die Weinschlacht von Haro (Rioja) miterwähnen, wo die Menschen sich traditionell seit dem 18 Jahrhundert einmal im Jahr im Rahmen einer Fiesta gegenseitig mit Rotwein begießen und bespritzen. Enstanden aus einem uralten Nachbarschaftskonflikt, der dann, nachdem sich die gegnerischen Parteien auf diese Art abreagiert hatten, friedlich gelöst werden konnte. Ich meine, die Tomatina hätte einen ähnlichen Ursprung viel neueren Datums. In Pamplona wiederum wird sich zum Auftakt der Fiesta San Fermin gegenseitig fröhlich mit Sekt bespritzt.
Bei all diesen Veranstaltungen könnte man jetzt sagen "Verschwendung" als "ernsthafter verantwortungsbewusster Deutscher".
Fakt ist erstmal: es wird, soweit ich weiß, etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Lebensmittel, und nicht nur der abgelaufenen, in Deutschland weggeworfen und ob das in Spanien viel anders ist......? Einfach auf den Müll.
Es könnte mehr davon an Bedürftige verteilt werden, aber dafür fehlen oft einfach genügend Leute, die das in die Hand nehmen, zum anderen Teil verhindern es gesetzliche Bestimmungen.
Sie werden nicht konsumiert, weder materiell noch ideell, wie es bei einer Feier wäre, bei der die Leute sich abreagieren, Spaß haben und in friedliche Stimmung kommen, wie bei der Tomatina, wo es auch, soweit ich weiß, nie oder selten zu Unfällen oder gar Gewalt kommt. Die Menschen reagieren sich spielerisch ab.
Dagegen finde ich nichts einzuwenden, es kann wichtiger sein als die Tomate zu essen!
Schließlich lebt der Mensch nicht vom Brot allein, wie es sehr richtig heißt und schon gar nicht von der Tomate! Wo gerade Hunger gelitten wird, würden die Tomaten nicht weggeworfen. Auch die schlechten würden gegessen, die Menschen würden wohl die Wagen überfallen und die Tomaten noch heil herunterholen. Wenn es schlimmer kommt, wer weiß.
Aber solange es nicht so ist - exportiert werden können sie nicht - warum nicht auf harmlose Art damit Spaß haben? Den haben die Teilnehmer (aus vielen Ländern) nämlich wirklich und sie sind ganz entspannt danach. Also ist es wohl eine psychisch gesunde Aktion.Ist das weniger wichtig als Tomaten-Essen? Es gibt Therapien, die so ausgerichtet sind. Ich finde sowas überhaupt nicht pervers....davon kann ich aber leider auch meine Freunde nicht überzeugen, vielleicht mal im Schrebergarten so eine Weinschlacht zu machen ....oder uns mit unseren runtergefallenen Matsch-Kiwis zu bewerfen, das würde manche Spannung abbauen und jede menge gute Stimmung machen, da bin ich sicher. Schade....!
Wir sind hier in mancher Hinsicht überzivilisiert und haben eine gesunde Naturverbundenheit verloren, wovon viele Neurosen kommen, die viel destruktivere Folgen haben können, als eine harmlose Tomatenschlacht. Ich weiß, dass diese Ansicht nicht populär ist.
Es heißt nicht, dass Zivilisation, Ordnung und Sauberkeit, Sparsamkeit (die klassischen deutschen Tugenden u.a.) falsch oder unwichtig wären. Es geht nur darum, das man sie gelegentlich auch mal loslassen kann, um sich nicht zu ausschließlich damit zu identifizieren und davon nicht zu abhängig zu sein.
Dann ist man u.a. auch toleranter anderen Kulturen gegenüber. Man kann nicht immer nur vernünftig sein, das ist letztlich unvernünftig. Mal ausflippen, Unsinniges tun, mal ein Kind sein, das gehört zum Leben dazu, auch als Erwachsener. Das ist nicht pervers. Köln feiert dafür gerade Karneval, aber der war auch mal übermütiger und weniger zahm in früheren Zeiten.
Als Kind wird man von klein auf, vor allem in Deutschland, dazu dressiert, sich nur ja nicht schmutzig zu machen und, dass alles mögliche eklig sei. Am meisten lernen das nat. Mädchen. Das sitzt ganz tief in unserer Kultur. Das Gegenteil ist der "Schatten", mit dem man sich nicht identifizieren will. Aber er ist deswegen trotzdem ein Teil von jedem.
Man projiziert ihn dann z.B. auf andere Völker mit weniger ordentlichen oder reinlichen Sitten.
Wie kommt es z.B., dass die Sendung "Dschungelcamp" hier so beliebt ist? Mich reizt sie überhaupt nicht, eklige Effekthascherei finde ich, sie ist das Resultat der andererseits übertriebenen Pingeligkeit, könnte ich mir denken. Die buddhistische Philosophie sagt einfach ausgedrückt, um ganz und gesund zu sein, solle alles auch immer ein bisschen vom Gegenteil enthalten. Man denke an das Yin YANG -Symbol. Also braucht unsere vernünftige, geregelte Zivilisation auch immer noch ein bisschen Wildheit und Unvernunft um gesund und friedlich und glücklich zu sein. Das ist doch toll! Eins der Dinge, neben dem Stellenwert gemeinssamen Feierns überhaupt überhaupt, die mir an Spanien gefallen, ist dass es noch nicht so ganz gezähmt und zivilisiert erscheint, wie der überwiegende Rest zumindest Westeuropas. Was mir nicht gefällt, ist vielfach der Umgang mit ihren (Haus-)tieren. Aber, dass viele Fiestas noch so etwas Archaisches, Verrücktes und Ungezähmtes haben, das mag ich! Die Menschen brauchen das auch, sonst suchen sie es eben bei weniger harmlosen bis Gewalt- Exzessen verschiedener Art.
Ich hoffe, dass sich Spanien nicht in jeder Hinsicht EU-zähmen lässt. Manches können auch wir lernen!
Ein "Alaaf" aus Köln, dem noch wildesten Teil von Deutschland...oder?
Hella