[h=1]Unter Briten und wilden Affen[/h]
Gibraltar, The Rock, übt eine seltsame Zugkraft aus. Ein Stück Great Britain in Spaniens Süden, ein Fremdkörper anderen Schlags als all die Bleichgesichter und Rothäute an Spaniens Stränden. Überall greifen Klischees, das Erleben ist zweischneidig
Zu sehr zieht mich die bizarre Exotik dieses größten Fremdkörpers auf der Iberischen Halbinsel an, zu verwirrend
strange ist das Gepräge von
The Rock, wie Gibraltar genannt wird. Dahinter steckt nichts anderes als ein territorialer Kümmerling, den sich die Briten 1704 aus spanischen Händen einverleibten und seither besetzt halten. Ein Fliegenschiss auf der Landkarte, beherrscht von einem massigen, steilen Kalksteingiganten, der sich 425 Meter hoch über der Bucht von Algeciras und der Schnittstelle von Mittelmeer und Atlantik aufbuckelt.
Gesitteter als zwischen wilden Affen geht es in der Unterstadt zu, wo leibhaftige Bobbys auf Streife gehen, Rempler ein »
Sorry« erfordern und Parfümerien und Elektronikläden rund um die Main Street mit Angeboten und überfrachteten Auslagen locken. Jedes Mal, wenn mich das Schicksal gegen meinen Schwur nach Gibraltar zurückführt, kann ich mich der Faszination der Shoppingschneisen und historischen Mauerverbünde nicht erwehren. Jedes Mal treibt es mich an die äußerste Spitze, den
Europa Point, mit Ausblicken auf die Meerenge, die Frachter, die Bergsilhouetten Marokkos. Jedes Mal statte ich - dem stattlichen Zugangspreis zum Trotz - dem
Upper Rock Nature Reserve und den unvermeidlichen Affen einen Besuch ab, dazu den
Great Siege Tunnels, die als Verteidigungssystem auf die lange spanische Belagerung Ende des 18. Jahrhunderts zurückgehen, und selbst der
St. Michael's Cave, obwohl die Tropfsteinhöhle in buntesten Kitschlichtvariationen erstrahlt und den Einbau eines Auditoriums zu verkraften gehabt hat.
In der Kronkolonie Gibraltar bleibt kaum ein Klischee unbesetzt. Briefkästen tragen die Aufschrift
Royal Mail, alte Telefonzellen leuchten in Rot, Buden mit
Fish'n'chips stehen für die sagenhaften Errungenschaften der englischen Küche und Wettbüros für die Leidenschaft, ein sattes Pfund auf das richtige Pferd zu setzen. Einzig falsch liegt, wer Linksverkehr vermutet. Nein, ganz so britisch ist Gibraltar nicht. Andererseits geht nicht alles mit rechten Dingen zu. Anders lässt sich schwer erklären, dass auf gut sechseinhalb Quadratkilometer nicht nur 30.000 gemeldete Bürger kommen, was in etwa der Bevölkerungsdichte von London entspricht, sondern 60.000 Firmensitze, wie Spaniens Medien gerne herausstellen.
Fernab von Ressentiments ist allerdings jedem klar: Statt eines rekordverdächtigen Geschäftsinstinkts, der im Schnitt pro gibraltekischem Kopf - Neugeborene, Demente, Beamte und der amtierende Gouverneur inklusive - zwei offiziell registrierte Firmengründungen hervorgebracht hat, steht man vor dem Phänomen eines von höchsten Stellen geduldeten, obskuren Steuerschlupflochs in Europa.
Zertrümmern Soldaten der
Royal Navy bei Schießübungen eine spanische Boje, folgt ein diplomatischer Aufschrei. Verfolgen Polizisten aus Gibraltar eine Bande Juwelenräuber auf spanisches Staatsgebiet und hecheln der Beute hinterher, ohne im Eifer des Gefechts die Behörden zu informieren, ist der Konflikt in Gegenrichtung vorprogrammiert. Ebenso ungern gesehen sind Aufenthalte britischer Atom-U-Boote, zumal, wenn sie marode zur Reparatur in den Hafen Gibraltars einlaufen ...
Da sich die Primaten einer prima Gesundheit erfreuen, wovon ich mich bei meinem letzten Trip erneut überzeugen konnte, blicken die Briten der Wendung des Schicksals cool entgegen: Abwarten und Tee trinken. Und ich schwöre, ich werde nie wieder zurückkommen. Zumindest nicht bis zum endgültigen Fall Gibraltars. Nicht einmal, um meinen in der Main Street günstig erworbenen MP3-Player zu reklamieren, der nach kürzester Zeit seinen Dienst versagte.
P.S.: »Frechheit« - so empfand Ally aus Gibraltar die Online-Erstpublikation dieses Beitrags und sah sich zu Bemerkungen genötigt, die der Völkerverständigung nicht zum Durchbruch verhelfen dürften. In Andalusien baue jeder Fünfte in seinem Garten Drogen an, während Gibraltars Polizei den Missbrauch streng verfolgen würde. Und die Raffinerie im spanischen San Roque sei mit voller Absicht und gegen jedwede Richtlinien in Windrichtung Gibraltar gebaut worden. Ansonsten sei es gut, dass Spanien hinter der Grenze liege, nur die Touristen würden in Gibraltar nerven.
Selbstversuch Spanien. 52 Wochen. 52 Betrachtungen.
RATTATATAM